
Ich sitze zu Hause und bin mit meinen Leuten in Verbindung, um die heutige Abendplanung voranzutreiben. Man kann sich nicht wirklich auf etwas einigen und so findet man eine Form Übergangskompromiss und trifft sich bei Jakob. Ich ziehe meine Schuhe an und werfe meine Umhängetasche über und dies nur aus dem einen Grund: Man bringt ja Bier mit. Was für Bier steht nicht zur Debatte. Selbstverständlich ist es: Sterni. Bzw. Sternburg Export, das „süffig, würzige“ Bier aus Leipzig. „Wieso nur Sterni?“, fragt sich vielleicht der Ein oder Andere. Die Antwort ist gar nicht so leicht zu geben. Einige Faktoren sprechen dafür: Es ist wahnsinnig günstig und überall zu haben. Vor allem weil man es, nur durch einen verschmerzbaren Aufpreis, beim Späti an der Ecke sogar kalt aus dem Kühlschrank bekommt. Da bezahlt man auch gerne das Doppelte, was immerhin noch relativ weit unter der 1€-Grenze liegt.
Nun sitzen wir da, trinken das Sterni, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres und diskutieren über den weiteren Verlauf des Abends. Wir einigen uns dann erstmal, als weiteren Übergangskompromiss, in Neukölln ein Bierchen trinken zu gehen, da in dieser Kneipe, wo es Sterni für Einsfuffzig gibt. Dort plaudern wir dann eine Weile, trinken einige Sternis und kommen dann auf den Schluss, dass es sich nun doch nicht weiter lohnen würde noch arg steilzugehen. Irgendwann machen wir uns auf den Heimweg. Und dazu – natürlich! – kauft man sich noch ein Sterni für den Weg.
Es ist diese Selbstverständlichkeit, die das Sterni schon zu einer Art Phänomen macht. Würde man das Bier von einem neutralen Blickwinkel heraus betrachten, so würde man merken, dass das Bier zwar nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut schmeckt. Man
würde, rein theoretisch auch zu einem, nur einige Cents teureren Bier greifen. Aber im kollektiven Bewusstsein der Gruppe steht der Automatismus beim Späti nach der Braunglasflasche mit dem weiß-roten Etikett zu greifen. Es ist also nicht nur der Preis, der das Bier zu dem macht, was es ist, sondern vor Allem auch die Macht der Gewohnheit. Eine Art Tradition. Eines der ersten Biere die man mit seinen Leuten trank, das war Sterni. Im Laufe der Zeit hat es, mich jedenfalls, oft begleitet, hat mir versucht die Illusion von Unbeschwertheit in zweifelhaft schlechten Tagen zu vermitteln.
Sterni ist eine Form trinkbarer Nostalgie, und noch viel mehr als das. Es ist Kult, es ist Zeitlosigkeit und…naja…es ist halt auch so toll billig.
Nun wohne ich in Köln, weit weg von der Berliner Heimat. Hier gibt es kein Sterni. Schade. Dafür gibt es hier andere Marken, die Leute von hier, als IHR Bier deklarierten. Sei es Gilden Kölsch, Hansa oder Paderborner, es lässt sich sagen: Jede Region, jeder Mensch hat sein Sterni. Nur heißt es für jeden anders.
Ich werde mein Bier hier nicht mehr finden, ich muss es aus der Heimat mitnehmen. Dann jedoch funktioniert die Formel nicht mehr. Daher trinke ich es nur noch ab und an, wenn ich daheim in Berlin bin. Und natürlich nur: Mit meinen Leuten.
Ein lauter Kronkorkenknall auf all die Sternis dieser Welt! Ein Sterni steckt in jedem von uns.